Bessere Forschung f√ľr ein wichtiges medizinisches Problem

Stellungnahme √Ąrzte- und √Ąrztinnenverbandes Long Covid vom 2.10.2023

Kaum ein medizinisches Ereignis hat in den letzten Jahrzehnten mehr Aufmerksamkeit erhalten als die COVID-19 Pandemie. Seit Erstauftreten zu Beginn 2020 sind laut WHO mehr als 770 Millionen F√§lle einer COVID-19-Erkrankung sowie 6,9 Millionen Todesf√§lle registriert worden. Nach einer ersten Phase mit einer √§u√üerst kritischen Belastung des Gesundheitssystems durch akute Erkrankungen r√ľcken seit zwei Jahren zunehmend postentz√ľndliche Folgeerscheinungen im Sinne eines Post-COVID-Syndroms (PCS) in den Vordergrund. Zurzeit findet eine kontroverse Diskussion √ľber die H√§ufigkeit und gesellschaftliche Bedeutung des Post-COVID-Syndroms statt.

Eine aktuelle Publikation von Epidemiologen verweist auf eine eingeschr√§nkte Aussagekraft von Studien zu Post-COVID bez√ľglich der Sch√§tzung der exakten H√§ufigkeit des PCS (H√łeg, BMJ Evidence-Based Medicine 2023). Die Kritik begr√ľndet sich durch das Fehlen einer klaren Krankheitsdefinition mit diagnostischen Markern sowie das Fehlen von Kontrollgruppen. Dieses f√ľhrt zu einem Spektrum der angenommenen H√§ufigkeit von 5-50%.

Die Forderung nach einer strukturierten Erfassung der jeweiligen methodischen Limitationen epidemiologischer Studien ist hierbei ebenso zu begr√ľ√üen wie die Empfehlungen zur Durchf√ľhrung verbesserter Untersuchungsans√§tze. Dieses entspricht guter wissenschaftlicher Praxis. Leider haben die Autoren nur einen Bruchteil der publizierten Studien in ihre Analyse einbezogen und erg√§nzen ihre wissenschaftlichen Befunde mit pers√∂nlichen Meinungs√§u√üerungen, die im Sinne einer systematischen oder sogar bewussten √úbersch√§tzung der H√§ufigkeit fehlverstanden werden k√∂nnten. Es finden sich polarisierte Darstellungen, die neben einer statistischen √úbersch√§tzung der Pr√§valenz gleich auch eine √úbersch√§tzung der medizinischen Relevanz insgesamt behaupten bis dahin, dass das PCS gar nicht existiere bzw. eine eingebildete Erkrankung sei, die durch eine systematische Fehlerfassung der Krankheitsh√§ufigkeit erst erm√∂glicht w√ľrde.

Diesen Interpretationen, die in keiner Weise der aktuellen Evidenz entsprechen, muss aus Sicht des √Ąrzte- und √Ąrztinnenverbandes Long Covid entschieden widersprochen werden. Es ist vielmehr davon auszugehen, dass die zahlreichen Symptome im Nachgang einer SARS CoV 2 Infektion hochwahrscheinlich multifaktorielle Ursachen haben und eine postinfekti√∂se organische Sch√§digung, z. B. des Gehirns, auch mit konkret beschriebenen psychischen oder neurologischen Beeintr√§chtigungen √ľbereinzubringen ist. √Ąhnliche postinfekti√∂se Folgen sind f√ľr viele Organe und unterschiedliche Ausl√∂ser vorbeschrieben, darunter extremere Formen wie beim ME/CFS oder beim Post-Sepsis Syndrom.

Dass wir derzeit noch nicht in der Lage sind, mit eindeutigen Biomarkern f√ľr jeden Patienten mit Beschwerden eine sichere Diagnose zu stellen, gibt uns nicht das Recht, das Leid der Betroffenen in Abrede zu stellen oder gar die Suche nach solchen Biomarkern einzustellen. Durch zahlreiche qualitativ hochwertige Arbeiten wurden inzwischen immunologische und genetische Ver√§nderungen bei Patienten mit PCS im Vergleich zu nach Covid 19 vollst√§ndige Rekonvaleszenten nachgewiesen. In einer j√ľngsten Arbeit konnte dem sogar eine diagnostische Bedeutung zugesprochen werden. (Klein, Nature 2023). 

Aus der Sicht der Betroffenen ist es v√∂llig unerheblich, ob die H√§ufigkeit 50%, 5% oder 0,5% betr√§gt. Wenn eine Infektion pandemisch verl√§uft und in Deutschland zu 40 Millionen Erkrankten f√ľhrt, w√§ren 0,5% immer noch 200.000 Menschen mit Diagnose- und Behandlungsbedarf einschlie√ülich Rehabilitation. Somit besteht unzweifelhaft Bedarf f√ľr multimodale Diagnostik- und Therapiestrategien; hierf√ľr sind ausreichende Versorgungsstrukturen zu schaffen. Die derzeitigen langen Wartezeiten der Post Covid Spezialambulanzen sind unertr√§glich f√ľr Menschen, welche aufgrund ihrer belastenden Symptome kaum noch ihren Alltag bestreiten k√∂nnen.

Seit 2022 wird ein relevanter Anstieg an Berentungen im Rahmen eines PCS verzeichnet; ein Umstand, der auf die langen Verl√§ufe bei Erkrankten hinweist. Die polarisierende Debatte eines ‚Äúentweder‚ÄĚ (somatisch) ‚Äúoder‚ÄĚ (psychisch) wird dabei weder einer ganzheitlichen Betrachtung des Menschen in der Medizin und Forschung gerecht, noch wird der Kern der psychosomatischen Medizin richtig verstanden und wiedergegeben. Dass zus√§tzlich eingesetzte psychosoziale Behandlungsans√§tze bei einem Teil der Betroffenen durchaus hilfreich sein k√∂nnen, ist die Erfahrung vieler Behandler. Es darf sich hier aber eben nicht darauf zur√ľckgezogen werden, dass die therapeutischen Optionen damit ausgesch√∂pft w√§ren.

Das PCS bedarf dringend einer breit angelegten Forschung zur Kl√§rung aller vorliegenden Risikofaktoren und Pathomechanismen sowie Etablierung entsprechend geeigneter und individualisierter Behandlungsans√§tze f√ľr die Betroffenen. In der Beforschung des PCS liegt auch die gro√üe Chance, etwas √ľber Entstehung und Behandlung anderer bekannter und zuk√ľnftiger postinfekti√∂ser Syndrome zu lernen und deren Therapie zu verbessern. Die aktuelle Situation nicht intensiv daf√ľr zu nutzen, w√ľrde bedeuten, dass wir unsere Lektion aus der Corona Pandemie einmal mehr nicht gelernt haben.

Conclusio

Bessere Definitionen der Postinfekti√∂sen Syndrome, insbesondere des PCS, sowie besser kontrollierte Studien sind auf jeden Fall zu fordern. Eine Diskussion unterschiedlicher Bewertungen sollte sich bestm√∂glich an verf√ľgbaren wissenschaftlichen Fakten orientieren.

Eine Diskussion um konkrete Prozentwerte innerhalb eines Bereiches, der auf jeden Fall weltweit Millionen Menschen umfasst, die innerhalb k√ľrzester Zeit zum Teil schwerst erkrankten und aktuell keine Aussicht auf eine kurative Therapie haben, ist vielleicht gesundheits√∂konomisch wichtig, kann aber weder die medizinische Relevanz noch die Ernsthaftigkeit der Erkrankung f√ľr den einzelnen Betroffenen infrage stellen.

Eine Interpretation der epidemiologischen Pr√§valenzsch√§tzungen darf nicht zur Unterf√ľtterung von psychologisierenden Erkl√§rungsans√§tzen herangezogen werden. Entsprechend polarisierte Darstellungen sind kontraproduktiv und erschweren die wichtige medizinische und gesellschaftliche Befassung mit den postinfekti√∂sen Syndromen. Stattdessen sollte ein konstruktiver, interdisziplin√§rer und partizipativer Dialog durch die j√ľngsten Publikationen gerade einmal mehr gesucht werden. Der √Ąrzteverband engagiert sich hierzu aktiv und richtet auch dieses Jahr in Zusammenarbeit mit verschiedenen Fach- und Betroffenenverb√§nden am 24. und 25.11. in Jena einen Kongress zu Long Covid und Postinfekti√∂sen Syndromen aus. 

Referenzen:

H√łeg TB, Ladhani S, Prasad V How methodological pitfalls have created widespread misunderstanding about long COVID. BMJ Evidence-Based Medicine Published Online First: 25 September 2023. doi: 10.1136/bmjebm-2023-112338

Klein, J., Wood, J., Jaycox, J. et al. Distinguishing features of Long COVID identified through immune profiling. Nature (2023). doi.org/10.1038/s41586-023-06651-y

Kontakt:

Univ. Prof. Dr. med. Martin Walter

Pr√§sident √Ąrzte und √Ąrztinnenverband Long Covid

Direktor

Universit√§tsklinik f√ľr Psychiatrie und Psychotherapie

Universit√§tsklinikum  Jena

Philosophenweg 3

07743 Jena

Sekretariat:

Frau Eileen Schmidt

+49 3641 9390101

psychiatrie@med.uni-jena.de

Dr. med. Daniel Vilser

Vizepr√§sident √Ąrzte und √Ąrztinnenverband Long Covid

Chefarzt

Klinik f√ľr Kinder- und Jugendmedizin

AMEOS Klinikum St. Elisabeth Neuburg/Ingolstadt

Akademische Lehrkrankenhäuser der Universität Regensburg

M√ľller-Gnadenegg-Weg 4

86633 Neuburg/Do.

Tel.: 08431/54 3130

Fax: 08431/54 3089

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